Die Schlussphase der Baumaßnahme zum Garten des Gedenkens auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge in der Universitätsstraße beginnt
Zum Hintergrund
Geschichtliche Entwicklung
1892 erwarb die Jüdische Gemeinde das Grundstück in der Universitätsstraße neben dem Landgrafenhaus, auf dem nach Plänen des Architekten Wilhelm Spahr in der Zeit von 1895 bis 1897 die Synagoge errichtet wurde. In der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde sie vernichtet. Das Gebäude wurde bis ca. 50 cm unter der Bodenplatte abgetragen und als einfache Grünfläche hergerichtet. 1963 erfolgte eine öffentliche Diskussion um die Geschichte dieses Platzes, woraufhin ein Gedenkstein aufgestellt und die Grünflächen neu gestaltet wurde. Später erfolgte die Rückübertragung von Land an Gemeinde.
Mit dem Ziel auf dem Grundstück eine neue Gedenkstätte zu errichten, ist durch die Stadt Marburg gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Marburg ein freiraumplanerischer und künstlerischer Realisierungswettbewerb ausgelobt und in 2009 entschieden worden. Der 1. Preisträger „Garten des Gedenkens“ (scape Landschaftsarchitekten mit dem Künstlerteam Gather/Ahlborn, beide Düsseldorf) wird seit 2011 realisiert.
Gestalterische Konzeption
Im Zentrum des „Gartens des Gedenkens“ befindet sich eine Rasenfläche, die den Gebetsraum der ehemaligen Synagoge nachzeichnet. In ihr bleibt eine Linde erhalten, die nachts von unten angestrahlt wird. Der Gedenkstein von 1963 findet hier neben 10 beleuchteten Zettelkästen (siehe unten) seinen neuen Platz.
Als weiteres Gestaltungselement umgibt eine öffentlich begehbare Skulptur aus hellem Betonstein, die sich in Form eines Parallelogramms in den Hang der Stadtmauer und den Bürgersteig schiebt, diese Rasenfläche. In ihr ist ein Fenster eingelassen, das den Blick in die Mikwe (Ritualbad) frei gibt. Es befindet sich in einer Achse mit der Torah-Nische, dem heiligsten Ort der ehemaligen Synagoge.
Eine Durchwegung dieses Ortes führt barrierefrei auf die Skulptur und von dort über eine Stahltreppe weiter in die Oberstadt. Sie ist im Kontrast aus anthrazitfarbenen Betonplatten gestaltet und trägt so zur Öffnung des Ortes bei.
Das vom Grünbewuchs befreite Grundstück wird zu einem „Rosenfeld“ umgestaltet und rückt so – als Bezugnahme auf das historische Stadtbild – auch die Stadtmauer wieder in den Blick. Eine dezente Anstrahlung unterstützt dies auch in der Dunkelheit.
Ein taktiles Modell der Synagoge, das Sichtfenster in die Mikwe, ein Informationstext an der Bushaltestelle sowie die Homepage www.garten-des-gedenkens.de, auf die vor Ort ein QR-Code (Link auf die Homepage) hinweist, erläutern Funktion und Geschichte des Ortes. Während der Bauphase ist der QR-Code provisorisch am Bauzaun abtastbar.
Künstlerische Konzeption Zettelkasten
Die Zettelkästen thematisieren die konkrete Leerstelle am Platz der ehemaligen Synagoge. Mit ihnen soll eine Kommunikation zwischen Menschen, die dem Ort und seiner Geschichte verbunden sind, und der heutigen Generation ermöglicht werden. In Zukunft soll dieser Dialog mit den Marburger Bürgern – der durchaus vielfältige themenbezogene Bereiche aufgreifen soll – durch eine jährliche Neubestückung der Zettelkästen weitergeführt werden.
Das so entstehende Archiv dieser Kommunikation ist auf der Internet-Seite zum „Garten des Gedenkens“ (siehe unten) hinterlegt. Neben der eigentlichen Domain soll auch eine zweite Adresse bis zur Eröffnung direkt zu dem Archiv der Zettelkästen (www.zettelkasten.de) führen.
Diskussion eines zweiten Sichtfensters
Bei der Freilegung der Grundmauern der ehemaligen Synagoge als Vorbereitung auf den Beginn der Baumaßnahme im Spätsommer 2011 ist auch der Sockel der ehemaligen Synagoge zur Universitätsstraße sichtbar geworden. Das hat dazu geführt, dass über ein zweites Sichtfenster, das dauerhaft einen Blick auf den Sockel ermöglichen soll, nachgedacht worden ist.
Grundsätzlich spricht der Entwurfsgedanke des beim Wettbewerb ausgezeichneten Büros gegen ein zweites Sichtfenster in der Skulptur. Es würde zu einer Überformung der ruhigen, monolithischen Skulptur führen, die nur durch das eine Sichtfenster über der Mikwe auf den spirituellen Inhalt des Ortes hinweisen möchte. Darüber hinaus befindet sich dieses Fenster in einer Achse mit der ehemaligen Torah-Nische. So wird der heiligste Ort der zerstörten Synagoge besonders gewürdigt.
Mit der neuen Überlegung, die Ansicht der Sockelmauer zu ermöglichen, sind vier Varianten zu einem zweiten Sichtfenster mit einem Pro-und-Kontra-Vergleich entwickelt worden. Dieser Vergleich, der unter www.garten-des-gedenkens.de (siehe unten) aufgerufen werden kann, ist intensiv mit der jüdischen Gemeinde diskutiert worden.
Bei den Varianten 1 bis 3 ist nur ein Blick von oben auf die Grundmauern möglich. Deshalb sind diese verworfen worden.
Die Variante 4 - ein Sichtfenster über die Vorderkante der Skulptur hinweg - ermöglicht theoretisch den Anblick auch von vorne auf die Sockelmauer. Sie ist ebenfalls verworfen worden, da diese Kante aus Stabilitätsgründen entweder aus massivem Material, wie z. B. Stahl, oder aus sehr dickem Glas gefertigt sein muss. In beiden Fällen wäre eine Durchsichtigkeit nicht mehr möglich; bei der doppelten Glaskante führt die Lichtbrechung bei der nötigen Glasdicke zur Undurchsichtigkeit, die Kante erscheint durchgefärbt grün. Zudem wäre das eine sehr teure Lösung gewesen.
Vor dem Hintergrund, dass keine Vatiante den gewünschten Blick auf die Sockelmauer zusammen mit der archäologischen Notwendigkeit des Schutzes der Funde ermöglicht, hat man den Gedanken an ein zweites Sichtfenster auch unter Würdigung des ursprünglichen Entwurfsgedankens und der hohen Mehrkosten wieder verworfen. Um die damalige Sichtbarkeit aller Funde dauerhaft zu ermöglichen, sind sie filmisch dokumentiert worden.
Dokumentation auf www.garten-des-gedenkens.de
In dem Film „Archäologische Ausgrabungen an der ehemalige jüdischen Synagoge in der Universitätsstraße“ werden Art und Bedeutung der Funde, die zwischen 2011 und 2012 freigelegt wurden, erläutert. Unter www.garten-des-gedenkens.de kann die Dokumentation betrachtet und Weiteres zu den Ausgrabungen, insbesondere die oben beschriebene Variantendiskussion zu dem verworfenen zweiten Sichtfenster, nachvollzogen werden.
Dort ist auch das Archiv der Zettelkästen enthalten. Die planerische und künstlerische Idee zum „Garten des Gedenkens“ sowie der Wettbewerb kann dort ebenfalls nachgelesen werden. Und nicht zuletzt ist die Entwicklung der Jüdischen Gemeinde und der Synagoge in der Universitätsstraße vor, während und nach der Pogromnacht auf dieser Seite zusammengefasst. Zusammen mit dem Projekt „Zettelkasten“ ist die Seite somit mehr als eine Dokumentation.
Die englischsprachige Version wird spätestens bis zur Eröffnung frei geschaltet werden.
Zeitplan der Baumaßnahme
Mit dem Bau ist im August 2011 begonnen worden. In diesem Jahr werden ausgeführt:
Die feierliche Eröffnung soll am 11. November 2012 stattfinden.
Kosten
Nach jetzigem Stand werden die Gesamtkosten einschließlich aller Baunebenkosten aus den Jahren 2010 bis 2012 auf ca. 1.095.000,00 € geschätzt. Davon entfallen ca. 750.000,- € auf die reinen Baukosten.
Zu den Baunebenkosten gehören u. a. verschiedene Voruntersuchungen des Geländes, Fachplanungen zu Statik oder Bodenmechanik und die künstlerische Leistungen. Insbesondere die intensive archäologische Bauvorbereitung und -begleitung für diesen besonderen Ort ist hierbei zu benennen.