Auf Architekturtagungen wird bis heute von den Universitätsbauten auf den Marburger Lahnbergen geschwärmt. Was dort in den 60er und 70er Jahren errichtet wurde, beruhte nämlich auf einem ausgeklügelten Fertigteilbausystem, das es bis dahin nirgendwo im deutschen Hochschulbau gab. Busladungen von Experten kamen aus dem ganzen Bundesgebiet, um den Fachbereich Chemie, den Neuen Botanischen Garten und das Universitätsbauamt zu bewundern. In Darmstadt, Tübingen und Hamburg wurde die Bauweise nachgeahmt.
"Was auf den Marburger Lahnbergen gebaut wurde, war ein Exportartikel", sagt die Expertin für Nachkriegsmoderne, Dr. Karin Berkemann. Am 19. Oktober sprach sie im Rathaus über "Marburgs Universitätsbauten nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom Krummbogen auf die Lahnberge". Der Vortrag bildete den Auftakt für eine vierteilige Reihe von Marburger Stadtforen, die sich um Welterbe-Bewerbung der Stadt drehen.
Marburg bewirbt sich gemeinsam mit Tübingen um den Titel. Dabei setzen die mittelalterlichen Hochschulstädte auf ihre einzigartige Verbindung zwischen Stadt und Universität. Die erste Hürde ist bereits geschafft. Als Prototyp einer europäischen Universitätsstadt wurde Marburg für die Landesliste nominiert. Jetzt soll das Thema gemeinsam mit den Bürgern weiter vorangetrieben werden: "Es soll keine Bewerbung sein, die irgendwo in einem Rathaus oder einem universitären Turm entwickelt wird", sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel.
Kunsthistorikerin Berkemann bot in ihrem Vortrag spannende Blicke auf die nach 1945 errichteten Universitätsbauten. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg in Marburg studierte, kam in eine fast unzerstörte Stadt. Das hatte damals Seltenheitswert. Die Hochschule war von Gebäuden wie der Alten Universität und dem 1927 errichteten Hülsenhaus geprägt, das bis heute das Universitäts-Museum, Foto Marburg und die Kunstgeschichte beherbergt.
"Die Universität wollte den Menschen etwas bieten", sagt Berkemann. Und diese Vorstellung spiegelt sich in dem 1964 errichteten Hörsaalgebäude, dem Uni-Verwaltungsgebäude und der 1969 eröffneten Stadthalle wider. Im Hörsaalgebäude wurde bewusst viel Glas verwendet, weil das Haus ein Forum für bürgerliches und universitäres Leben sein sollte, auch ein Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen. "Das war ein guter, filigraner, auf der Höhe der Zeit stehender Bau", erläuterte Berkemann. Den Marburger Planern standen damals Gebäude wie der Brüsseler Weltausstellungspavillon von 1958 von Egon Eiermann vor Augen.
Zugleich veränderten sich die Rahmenbedingungen gravierend. Von den 50er bis in die frühen 70er Jahre hinein verdreifachten sich die Studierendenzahlen. Erweiterungsflächen erhielt die Universität am Krummbogen, wo Ende der 60er Jahre die Türme der Philosophischen Fakultät und der silberne Würfel der Universitätsbibliothek gebaut wurden: "Dadurch wurde die Universität in Marburg richtig sichtbar", so Berkemann. Die umlaufenden Glasfronten sollten Leichtigkeit und Offenheit zeigen. Zugleich sollte jeder Fachbereich sein Türmchen bekommen.
Zeitgleich mit der Philosophischen Fakultät startete die Bebauung für die naturwissenschaftlichen Institute auf den Lahnbergen, wo eigentlich eine ganze Siedlung entstehen sollte. Gebaut wurde von den Plänen etwa ein Drittel - nach einem Fertigteilkonzept, das unter Planern berühmt wurde. Die Bauabteilung entwickelte ein kostensparendes System aus Betonfertigteilen und normierten Innenausbauelementen, die bis zu den Schreibtischen der Professoren reichten. Produziert wurden die Fertigteile in einer eigens aufgebauten Feldfabrik. Das Universitäts-Neubauamt wurde auf den Lahnbergen errichtet. Das heute als völlig marode geltende Chemiegebäude wurde damals für seine schönen Schwarz-Weiß-Kontraste und das durchdachte System gelobt. Auch der Neue Botanische Garten mit seinen Betonwegen und den aus Wänden entspringenden Wasserfällen wurde teilweise danach angelegt.
Allerdings wird zur Zeit an einem neuen Chemiegebäude auf den Lahnbergen gebaut. Der Altbau hat so große Mängel, dass nach einem Gutachten Lehre und Forschung auf hohem Niveau dort in Zukunft nicht mehr möglich sein werden. Zudem sind die Heizkosten von etwa einer Million Euro pro Jahr für die Universität kaum aufzubringen. Unklar ist auch, ob die Philosophische Fakultät nach dem geplanten Neubau des Campus Firmanei auf Dauer stehen bleiben wird. Karin Berkemann fände es schade. Schließlich nehmen die Solitäre der Türme sogar die Silhouette der Berge rund um die Stadt auf.