Lokale Agenda 21 Leitbilder - AG Sozialeszurück
Präambel zum Forum Soziales Das Modell einer repräsentativen lokalen Demokratie ist nur zukunftsfähig durch gleichzeitiges, breites und unmittelbares bürgerschaftliches Engagement möglichst vieler Menschen. Grundlagen und Voraussetzungen eines zukunftsfähigen Marburg sind:
- Die Schaffung eines nachhaltigen Ausgleiches zwischen privaten Lebensgewohnheiten, wirtschaftlichen Interessen und ökologischen Erfordernissen beim Wirken von Institutionen, Unternehmen, ehrenamtlichen Initiativen und Selbsthilfegruppen.
- Die Stärkung sozialer Lebensbedingungen und die Förderung eines breiten sozialen Engagements aller Gruppen in der Bevölkerung.
Nur bei Sicherung eines breiten sozialen Zusammenhalts können die Aufgaben und Veränderungen in Richtung einer nachhaltigen lokalen Entwicklung bewältigt werden. Dazu sind soziale Ungleichheiten abzubauen und soziale Gerechtigkeit herzustellen.
Sozialer Frieden im eigenen Land sowie das Recht auf Erziehung und Bildung für die nachwachsende Generation dürfen in der Praxis aber nicht erkauft werden durch die fundamentale Verweigerung gerechter Entwicklungschancen für die Länder und Städte des Südens.
Marburgs Beitrag zur Schaffung von Gerechtigkeit im Internationalen Zusammenhang ist notwendig. Konkrete Maßnahmen zur Aufhebung geschlechtsspezifischer Barrieren sollen ergriffen werden. Gesellschaftliche Minderheiten sollen integriert werden. Ein beispielhafter Umgang der Erwachsenen mit den nachwachsenden Generationen beruht auf den Prinzipien der gegenseitigen Anerkennung, altersgerechten Beteiligung und auf dem Ausgleich zwischen persönlichem Vorteil und solidarischem Verhalten. Eine gewaltfreie Streitkultur ist dabei von grundlegender Bedeutung für die Zukunft eines freien, sozialen und demokratischen Gemeinwesens. Eine konkrete Umsetzung dieser Zielsetzungen bedarf eines angemessenen Verfahrens. Deshalb erfolgt die Realisierung und regelmäßige Überprüfung des Leitbildes im Rahmen eines breiten und öffentlich angelegten Beteiligungsverfahrens. Auf diese Weise ist zu gewährleisten, dass Marburg dauerhaft alle Anstrengungen in Richtung nachhaltiger Entwicklung unternimmt. (Die nachfolgenden Leitziele des Forums Soziales können durch Anstößen oder Unterstützen konkreter Projekte realisiert werden. Sie geben gegenwärtig nur einen Ausschnitt aus dem großen Bereich des sozialen Lebens der Stadt Marburg wieder.)
Kinder und Jugendliche Präambel Grundlage für ein Agenda-Leitbild "Kinder und Jugendliche" ist die UN-Konvention über die Rechte der Kinder. Aus der UN-Konvention lassen sich sechs große Bedürfnisbereiche ableiten. Das Bedürfnis nach:
- Liebe, Akzeptanz und Zuwendung,
- stabile Bindungen,
- Ernährung und Versorgung,
- Gesundheit,
- Schutz vor Gefahren materieller und sexueller Ausbeutung,
- Wissen, Bildung und Vermittlung hinreichender Erfahrung.
Die UN-Konvention über die Rechte der Kinder soll allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bekannt gemacht werden.
Ziele für Marburg Die Stadt Marburg
- schützt alle Lebensformen, in denen Kinder oder Jugendliche zusammen mit Erwachsenen, die für ihre Versorgung und Erziehung Verantwortung tragen, und fördert sie im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten
- beteiligt Kinder und Jugendliche an allen Entwicklungen und Angelegenheiten, die sie betreffen oder interessieren
- berücksichtigt bei der Planung und Gestaltung öffentlicher Räume - Plätze, Strassen, Gebäude, Grünflächen - die Bedürfnisse, Interessen, Wünsche und Ideen von Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche wirken an Planung und Gestaltung im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit'
- fördert die Kooperation und Vernetzung unterschiedlicher Behörden, Ämter, Institutionen, Gruppen und Initiativen, um die Hilfe und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und alle, die für ihre Versorgung und Erziehung Verantwortung tragen, zu verbessern.
- fördert und unterstützt Sozialraum- und Lebensweltbezüge der Angebote und Hilfen für Kinder und Jugendliche.
- strebt räumliche Nahe, leichten und frühzeitigen Zugang der Angebote und Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien an (Dienstleistungsorientierung, Niedrigschwelligkeit, Stärkung von Prävention).
- unterstützt Leistungen und Hilfen, die von freien Trägern und selbstorganisierten Initiativen mit und für Kinder und Jugendliche erbracht werden
- unterstützt und fördert bürgerschaftliches Engagement mit dem Ziel der Angebotserweiterung
- informiert umfassend und unter Einsatz aller verfügbaren Medien über Angebote, Hilfen und Leistungen für Kinder und Jugendliche.
- veröffentlicht regelmäßig eine kommunale Sozialberichterstattung über die Lebenslagen und Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und Familien.
- Die Sozialberichterstattung gibt Auskunft
- über die Inanspruchnahme von Hilfen, sozialen Angeboten und Leistungen, sowie
- die Wirkungen von Hilfen und sozialpolitischen Entscheidungen und Maßnahmen sowie von Projekten im Rahmen der Lokalen Agenda 21.
Beispielhafte Projekte, deren Umsetzung im Lokale Agenda 21-Prozess eingeleitet bzw. begleitet werden soll:
- Kinder- und Jugendparlament als Institution für Beteiligung in der weiteren Arbeit unterstützen und begleiten.
- "Wolkenkratzer", ein aus Bürgerengagement und Bewohneraktivierung entstandenes Kinder-Jugend-Betreuungsprojekt im Stadtteil Wehrda.
- Öffentliche Räume nutzbar machen für Kinder und Jugendliche: z.B. Auswei-tung des Schulhofs der Martin-Luther-Schule unter Einbeziehung der Uferstrasse, Öffnung der Bürgerhäuser für Jugendliche. '
- Kinderfreundliche Hausordnung zusammen mit Mietern und den Wohnungsbaugesellschaften erarbeiten.
- Soziale Fahrpreisgestaltung für Schüler , Schülerinnen, Kindergartenkinder und Familien.
- Kommunale Sozialberichterstattung: Weiterentwicklung und öffentliche Diskussion von Berichten über Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und Familien, deren Inanspruchnahme kommunaler sozialer Leistungen und deren Wirkung.
- Arbeit und Konsum im internationalen Zusammenhang
Solidarität und Gerechtigkeit sind gerade in einer Weit wachsender gegenseitiger Abhängigkeiten unteilbar. Es wird nur dann gelingen zukunftsfähige Gesellschaften aufzubauen, wenn kein Teil der Weltbevölkerung auf Kosten anderer Teile der Weltbevölkerung lebt. Eine wirtschaftliche Benachteiligung oder Ausbeutung von Frauen, Kindern und Männern muss deshalb weltweit unterbunden werden.
Deshalb verpflichtet sich die Stadt Marburg im Rahmen ihrer Aktivitäten folgende Grundsätze zu beachten:- Alle Menschen haben ein Recht auf Bildung und Ausbildung.
- Arbeit muss sowohl zwischen den Ländern als auch zwischen den Geschlechtern gerecht verteilt und bewertet werden,
- Weltweit müssen Frauen, Männer und Kinder eine soziale Absicherung erhalten.
- Es dürfen weder soziale noch ökologische Kosten zu Lasten der Umwelt, benachteiligter Teile der Bevölkerung oder anderer Länder abgeschoben werden. Hieraus ergibt sich das Kriterium für einen verantwortungsvollen Konsum, der von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit geprägt ist.
- Jeglicher sexuellen Ausbeutung von Mädchen, Jungen, Frauen und Männern ist aktiv entgegenzutreten. Dies betrifft ganz besonders den persönliche Notlagen ausnutzenden Sextourismus und Menschenhandel sowie die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.
- Herabwürdigende und pornographische Darstellungen von Frauen, Kindern und Männern in den Medien (z.B. in der Werbung) sind zu ächten,
- Waffenproduktion, Waffenhandel und -forschung müssen weltweit geächtet werden.
- Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie müssen in solche, die dem Prinzip der Nachhaltigkeit entsprechen, umgewandelt werden.
Ziele für Marburg Die Stadt Marburg, die hier ansässigen Firmen, Parteien, Vereine, Verbände und Initiativen sowie alle Marburgerinnen und Marburger sind dabei nicht zuletzt in ihrer Rolle als Bürgerinnen und Bürger sowie als Verbraucherinnen und Verbraucher angehalten, diese Grundsätze in verantwortliches Handeln umzusetzen. Dies bedeutet:
- Verantwortung dafür zu tragen, dass Waren gehandelt oder konsumiert werden, die unter Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer Standards produziert werden.
- keine Produkte zu kaufen oder weiter zu verkaufen, die durch ausbeuterische Kinderarbeit entstanden sind.
Zu diesem Zweck wird der Verkauf nachhaltiger, d.h. sozial und ökologisch ausgewiesener Produkte mit Unterstützung der Stadt Marburg unter Einbeziehung weiterer Akteure (z.B. Marburger Einzelhandel) besonders gefördert. Initiativen wie der "faire Handel" oder die regionale Vermarktung ökologisch angebauter Produkte werden hierbei als beispielhaft angesehen. Die Informations- und Erziehungsarbeit über die Produktion und den Handel von nachhaltigen Produkten ist zu unterstützen und zu verstärken. Die Stadt Marburg passt ihre Vergaberichtlinien für Einkäufe und Aufträge den hier dargestellten Grundsätzen an. Firmen, die gegen diese Grundsätze verstoßen, müssen von der Auftragsvergabe ausgeschlossen werden können. Die Ächtung jeglicher Formen der Diskriminierung, sexueller Ausbeutung und herabwürdigender Darstellungen von Frauen, Kindern und Männern Mädchen, Jungen, Frauen und Männern ist durch eine geeignete Öffentlichkeitsarbeit zu untermauern. Firmen (z.B. Marburger Medien, Werbebranche, Reisebüros) sind zur Einhaltung einer Selbstverpflichtung zu veranlassen.
Beispielhafte Projekte: a) Die Stadt Marburg unterstützt die Informationsarbeit zu nachhaltig gehandelten Produkten durch:
- den Ausbau eines Informationszentrums in Marburg, in dem soziale (und ökologische) Hintergründe international gehandelter Güter beleuchtet werden. Mögliche Themenschwerpunkte: "Fairer Handel", "Kinderarbeit", "Soziale Bedingungen bei der Textilproduktion", "Altkleider". Ein weiterer Schwerpunkt der Informationsarbeit liegt in der Darstellung sexueller Ausbeutung von Frauen und Kindern (Sextourismus, Kinderprostitution). Das Informationszentrum soll an bestehende Strukturen anknüpfen (Informationszentrum des Weltladens) und die Schaffung von Arbeitsplätzen ermöglichen.
- die Verbraucher- und Verbraucherinnenberatung in Marburg ist langfristig abzusichern, damit die ökologischen und sozialen Aspekte dieser Arbeit zu einem nachhaltigen und verantwortungsvollen Konsum der Bevölkerung beitragen.
- Die Stadt Marburg unterstützt die Informationsarbeit durch die Erstellung eigener Materialien wie sie es am Beispiel der Altkleiderproblematik bereits getan hat (weiteres Beispiel: die Stadt München hat in diesem Zusammenhang ein Faltblatt unter dem Titel "München fair - ändert die Welt ... machen Sie mit" herausgegeben. Dort werden vorhandene soziale Siegelinitiativen vorgestellt und Münchner Verkaufsstellen für fair gehandelte Produkte angegeben.)
- Die Stadt Marburg fördert Projekte in Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe und Kindergärten zum Erlernen nachhaltigen Konsumierens.
b) Die Stadt Marburg initiiert Runde Tische
- zu den Themen "nachhaltiges Warenangebot", "Kinderarbeit" und "Fairer Handel" mit dem Marburger Einzelhandel. Das Ziel dieser runden Tische ist, das nachhaltige Warenangebot in Marburg zu erhöhen.
- zu den Themen "Sextourismus" und "Kinderprostitution" mit Marburger Reisebüros
- zu den Themen "herabwürdigende Darstellung von Frauen, Kindern und Männern in den Medien" mit Marburger Werbeagenturen und Printmedien
An den runden Tischen werden Initiativen, die zu den jeweiligen Themen arbeiten (z.B. Marburger Initiative gegen Frauen- und Kinderdiskriminierung in den Printmedien) beteiligt.
c) Beschaffungs- und Vergaberichtlinien Die Stadt Marburg erhält den Auftrag zu überprüfen, inwieweit die Aspekte der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in ihre Beschaffungs- und Vergaberichtlinien aufgenommen werden können (Bevorzugung gesiegelter Produkte im Beschaffungswesen, Ausschluss von Firmen von der Auftragsvergabe, die festzulegende Mindestkriterien nicht erfüllen).
Frieden, Konfliktlösung, Internationale Beziehungen und Integration Präambel: Ohne Frieden gibt es keine Hoffnung auf Zukunftsfähigkeit. Ungelöste Konflikte wirken auf allen Ebenen zerstörerisch und blockieren die Suche nach zukunftsweisenden Problemlösungen. Konflikte entstehen häufig im Zusammenhang mit ungelösten sozialen Problemen, aber auch durch Unkenntnis des jeweiligen sozialen und kulturellen Hintergrunds. Fehlende Fähigkeit zum Umgang mit Fremdheit und mangelnde positive Erfahrung mit Pluralität führen zu Konflikten Im persönlichen, lokalen und internationalen Umfeld muss von daher eine neue Kultur der erfolgreichen Konfliktbewältigung frühzeitig erlernt und angewendet werden. Soziale Probleme mit Konfliktpotential müssen frühzeitig erkannt und bearbeitet werden. Ein tatsächlicher Frieden wird nur dann erreichbar sein, wenn Konfliktlösung auch als Schaffung von sozialer Gerechtigkeit auf lokaler wie internationaler Ebene verstanden wird. Problemlösungen sind zunehmend auf globaler Ebene erforderlich. Hierzu sollen Staatsgrenzen und Nationalitäten überschreitende Diskussionen und Bewusstseinsbildung gefördert werden.
Ziele für Marburg: Die Stadt Marburg
- initiiert, fordert und unterstützt lokale Initiativen zur gewaltfreien Lösung von Konflikten
- bietet im Rahmen ihrer Erziehungs- und Bildungseinrichtungen (Tageseinrichtungen für Kinder, Schulen, VHS) Programme zum Erlernen gewaltfreier Konfliktlösungen an
- entwickelt insbesondere für Schulen, Jugendarbeit und Jugendhilfe Modelle zur Gewaltprävention bezogen auf Gewalt in der Familie und der Betreuung von Jugendlichen (auch Sinngebung) als Voraussetzung für eine gesellschaftliche Konfliktlösungsfähigkeit
- fördert den kulturellen und inhaltlichen Austausch zwischen den in Marburg lebenden Nationalitäten (inkl. den Deutschen)
- Die Stadt Marburg bietet den Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten sowie den hier wohnenden ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern alle Möglichkeiten der Integration an. Die Wahrung und Weiterentwicklung beider Identitäten muss gefördert werden.
- baut ihre internationalen Städtepartnerschaften aus und unterstützt den internationalen Austausch von Jugendlichen, internationale kulturelle Initiativen und andere in der Stadt bereits bestehende internationale Kontakte und Partnerschaften.
- fühlt sich der Förderung sozialer Gerechtigkeit auch auf der internationalen Ebene verpflichtet. Zu diesem Zweck werden die Auswirkungen unserer Lebensweise im Norden auf die Nord-Süd-Beziehungen kritisch überprüft (s. z.B. Aktivitäten der Stadt zum Altkleiderproblem).
- schafft Möglichkeiten zur Förderung von Städten in Entwicklungsländern durch gegenseitigen personellen Austausch.
- fördert das Verständnis für andere Länder, Kulturen und der Probleme in den internationalen Beziehungen durch den Ausbau hierzu spezifischer Bildungsangebote in Marburg.