„In Marburg herrscht Wohnraummangel. Grund dafür ist vor allem der gestiegene Anspruch. Während ein Paar ohne Kinder vor 30 Jahren noch mit einer 65 qm Wohnung zufrieden war, gelten heute eher 95 qm als angemessen. Wenn wir auf Neubauoffensiven als einzige Antwort setzen, dann bekommen wir das Problem aber nicht in den Griff“, erklärt Baustadtrat Kopatz. „Es gibt zu viel verfügbare Wohnfläche, die nicht gut genutzt wird. Zugleich haben die Menschen unterschiedliche Bedarfe. Mit einem klugen Mix aus Ideen und kreativen Ansätzen können wir mehr passenden Wohnraum anbieten.“
Und weil man nicht alle selbst neu erfinden muss, schaut Kopatz sich um, welche Projekte bereits in anderen Städten funktionieren. Dabei ist er auf ein Konzept aus Bonn gestoßen: Dort hat die Politik einen Beschluss gefasst - und die Bonner Wohnungsbau AG hat entsprechend 31 Wohnungen gebaut, in die speziell diejenigen einziehen durften, die sich räumlich verkleinern wollten. So wurden schließlich 30 größere Wohnungen frei, darunter auch fünf Einfamilienhäuser. Dort fanden dann Familien mit Kindern neuen Wohnraum. Natalija Horn und Detlef Eckert von der Bonner Wohnungsbau waren kürzlich zu Gast in Marburg und haben das Projekt vorgestellt.
„Wichtig ist, dass solche Angebote freiwillig sind“, betont Kopatz. Und das Beispiel Bonn zeige, dass die Nachfrage beachtlich sei und Menschen freiwillig in kleinere Wohnungen ziehen, wenn sie barrierefrei, komfortabel und möglichst auch noch im eigenen Stadtteil sind. „Da möchte ich gerne ansetzen“, erklärt Kopatz. Sowohl in Moischt als auch in Ginseldorf hätten Eigentümer*innen der Stadt bereits geeignete Flächen für den Wohnungsbau angeboten, mitten im Ort, groß genug für mehrere Wohneinheiten. „Die Bedingung der Eigentümer*innen war in einem Fall: Sie wollen eine der Wohneinheiten haben – damit sie aus ihrem Einfamilienhaus in eine barrierefreie Wohnung ziehen können.“
Gemeinschaft, im Alter nicht aus dem gewohnten Umfeld wegziehen – das seien für viele Menschen wichtige Aspekte. Bevor sie das eigene Quartier verlassen, blieben manche Menschen lieber alleine in einem Haus, auch wenn sie es nicht mehr so gut unterhalten oder sich darin bewegen könnten. „Die Nachfrage nach barrierefreiem Wohnraum im eigenen Stadtteil, die ist aber da. Das haben mir viele Gespräche gezeigt.“
Und mehr Wohnraum könne nicht nur mit einem Projekt nach dem Bonner Vorbild geschaffen werden. Kopatz hat auch weitere Ideen, die er derzeit für Marburg prüfen möchte: Komfortable Klein-Appartements, Mehrgenerationen-Häuser, Umbau im Bestand beispielsweise für Einliegerwohnungen, Clusterwohnungen oder Wohngemeinschaften für Senior*innen. So besteht laut Befragungen bei bis zu drei Vierteln der älteren Hausbesitzer*innen die potentielle Bereitschaft, in eine altersgerechte Wohnung umzuziehen.
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