© Gesa Coordes, i. A. d. Stadt Marburg
Eine Idee für eine mögliche zukünftige Gestaltung des Schlosses fand bei allen Anwesenden Zustimmung: ein großer Tisch, wie der auf dem berühmten Gemälde des Marburger Religionsgesprächs von August Noack, das im Westsaal des Marburger Schlosses hängt. Doch der Tisch soll den Besucher*innen dazu dienen, sich niederzulassen und miteinander zu sprechen und zu diskutieren – nicht nur über Religion, sondern über alle möglichen Themen – quasi ein „Inklusionsgespräch“.
Mit Checklisten, Audiorekordern und Polaroid-Kameras hatten die Workshop-Teilnehmer*innen in Zweier-Teams das Schloss und sein Museum erkundet. Für Rollifahrer*innen erwies sich vor allem die Zufahrt als schwierig: auf dem Kopfsteinpflaster haben sie bisher kaum eine Chance, die Auffahrt zu bewältigen. Und der Fußweg daneben ist so schmal, dass Rollstühle nur gerade eben draufpassen. An der Treppe zum Museumseingang gibt es zwar eine Rampe, diese ist jedoch nach Erfahrung der Rollifahrenden zu steil. Auch der enge Aufzug habe noch seine Tücken, wie Bernd Gökeler vom Behindertenbeirat anmerkte: „Wer vorwärts hineinfährt, kommt nicht mehr an die Aufzugknöpfe heran.“
Ein Schloss für die Sinne und für alle
Die sehbehinderte Teilnehmerin Wencke Gemril war noch nie im Schlossmuseum. „Dabei ist die Geschichte spannend“, findet sie. Ohne sehende Begleitung sei aber schon der Weg durch den Fürstensaal schwierig, der als einer der größten und schönsten weltlichen Säle der deutschen Gotik gilt. Und auch vor den Vitrinen stünden Blinde ratlos. Es bräuchte einen Tastplan oder eine Schablone vom Westsaal, um sich zurechtzufinden, sagt Eugen Anderer.
© Gesa Coordes, i. A. d. Stadt MarburgUnd zumindest das Religionsgespräch zwischen Luther, Zwingli und Melanchthon sollte für Blinde beschrieben werden. Der blinde Kunsthistoriker steht vor der Glaspyramide, die den Blick auf eine Vorgängerburg eröffnet. Am liebsten würde er die Mauerreste ertasten: „Für jemanden, der nichts sieht, ist das so nicht nachvollziehbar“, sagt Anderer. Während des Rundgangs erklärt ihm eine Sehende die archäologische Entdeckung.
Von den Exponaten und den Themen des Museums waren die Teilnehmer*innen sehr angetan, wie sich in den anschließenden Arbeitsgruppen unter Leitung von Museumspädagogin Samira Idrisu und Lebenshilfe-Fachbereichsleiter Julian Pott zeigte. „Ich komme wieder“, „tolle Grundlage“ und „das ist ein zu hebender Schatz“, hieß es in den Stimmungsbildern. Und die Sehenden freuten sich, „Bekanntes“ unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Bemängelt wurden Türschwellen, Rampen, irreführende Leitsysteme und schwierige Fluchtwege. Schriften, die weiß vor gelbem Hintergrund erscheinen, sind für viele Menschen schwer lesbar, es brauche stärkere Kontraste.
Die Teilnehmer*innen entwickelten eine Fülle von Ideen, zum Beispiel eine kleine Garderobe für Kinder, die sich als Ritter und Prinzessinnen verkleiden könnten oder eine Spielstation, die mit der Geschichte des Schlosses zu tun hat. Daneben gab es weitere Vorschläge wie Exponate zum Anfassen, mehr gemütliche Sofas und Gerüche des Mittelalters, wie sie das Chemikum schon einmal hergestellt hat, und die Besucher*innen mittels Gefäßen mit Duftstoffen riechen könnten. Die Schlosskapelle könnte auch als Ort vermittelt werden, in dem gesungen, gebetet und gepredigt wurde.
Marburger „Stadtgeschichten“ Vorbild für erweiterte Angebote im Schloss
Wie eine Ausstellung zugänglicher für Sehbehinderte wird, zeigte bereits die gemeinsam mit dem Fachdienst Kultur der Stadt erarbeitete Präsentation zu Marburger „Stadtgeschichten“, die noch im Südsaal des Schlosses zu sehen ist.
© Gesa Coordes, i. A. d. Stadt MarburgSie enthielt Audioelemente zu allen acht Jahrhunderten von Marburgs Stadtgeschichte. Im Schloss gibt es auch QR-Codes, mit denen sich Musik aus verschiedenen Jahrhunderten aufrufen lässt. Auf den Audioguide-Seiten der Stadt Marburg gibt es Hörstücke, die von der Geschichte der Burg über den Fürstensaal, das Religionsgespräch und die Schlosskapelle bis zur Stipendiatenanstalt, den Kasematten und den Hexenturm reichen. Zudem haben die Marburger Schlosskonzerte ein Tastmodell und ein Audioformat für den Weg zum Fürstensaal erstellt. Die Angebote sind aber zu wenig bekannt und eher Vorläufer dessen, was sich das Museum für die Zukunft vorstellt.
„Wir haben jetzt sehr viel Material und kennen die unterschiedlichsten Wünsche, die wir nun ordnen und gründlich auswerten“, fasst Museumsleiter Christoph Otterbeck zusammen. Er freut sich über die vielen inspirierenden Stimmen. Damit die Vorstellungen der zukünftigen Gäste einfließen, hat die Stadt Marburg gemeinsam mit der Philipps-Universität insgesamt sechs Workshops organisiert. Die nächste Arbeitsgruppe von Architekt*innen und Stadtplaner*innen am 6. Juni tagt intern, um auf der Grundlage von Vermessungen und Plänen unter anderem Fragen zur Erschließung des Landgrafenschlosses, zum Raumnutzungskonzept und zum Brandschutz zu diskutieren.
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