Die Stadt Marburg hat gemeinsam mit Engagierten zehn Jahre ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit im Historischen Rathaussaal gefeiert.© Stefanie Ingwersen, Stadt Marburg
„Heute feiern wir zehn Jahre ehrenamtliches Engagement. Das sind zehn Jahre Solidarität und gelebte Mitmenschlichkeit. An dieser Stelle möchte ich meinem Vorgänger Egon Vaupel danken, der damals im Jahr 2015 eine Haltung gezeigt hat, die sinnbildlich für Marburg geworden und durch ihn geprägt ist. In Marburg war und ist Willkommenskultur keine Floskel, sondern eine Haltung, die gelebt wird. So wie von Ihnen, den vielen Ehrenamtlichen, die sich mit einer großen Herzlichkeit dafür engagieren, dass Menschen, die durch Gewalt aus ihrem Zuhause vertrieben wurden, hier eine zweite Heimat finden“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies anlässlich des rund zehnjährigen Bestehens des Portals Mauerstraße. Das Portal ist eine Anlaufstelle für Geflüchtete. Dort erhalten sie Informationen und Beratung zu Gesundheit, Freizeit, Behörden und vielem mehr. Musikalisch begleitet wurde die Feier von Berthold Hahn, der sich ebenfalls im Portal ehrenamtlich engagiert.
„Das Portal Mauerstraße ist mehr als ein Gebäude. Es ist ein Ort der Zuversicht und der Orientierung. Sie sorgen dafür, dass Menschen hier nicht nur Schutz, sondern eine Perspektive finden. Zahlreiche Angebote, die die Menschen zusammenbringen, haben Sie geschaffen“, sagte Stadträtin Kirsten Dinnebier und ergänzte: „Ich danke Ihnen für die Hoffnung, die Sie unzähligen Menschen in unsicheren Zeiten geschenkt haben. Denn Integration beginnt dort, wo Menschen sich begegnen: auf Augenhöhe. Lassen Sie uns gemeinsam zuversichtlich auf die nächsten zehn Jahre blicken.“
10 Jahre Willkommenskultur in Marburg – Ein Rückblick
Das Portal Mauerstraße ist bereits seit beinahe einem Jahrzehnt Begegnungs- und Nachbarschaftsort sowie eine feste Anlaufstelle für Geflüchtete in Marburg. Was 2015 im Camp in Cappel begann, hat sich zu einem wichtigen Ort der Unterstützung, Integration und des Dialogs entwickelt. Seinen Anfang nahm alles mit der Eröffnung der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Cappel im Juli 2015. In dem Camp kamen die Menschen zunächst in Zelten unter. Egon Vaupel, damaliger Oberbürgermeister, setzte sich jedoch zeitnah dafür ein, dies zu ändern – gerade mit Hinblick auf den bevorstehenden Winter. So veranlasste er, auf dem Gelände einfache Holzhäuser zu errichten.
Marita Gabrian, ehrenamtlich Engagierte im Portal Mauerstraße, hob die Bedeutung der persönlichen Begegnungen im Integrationsprozess hervor.© Stefanie Ingwersen, Stadt Marburg Von Beginn an war die Bereitschaft, zu helfen, sehr hoch und in dieser Form einzigartig. Zeitweise fanden sich mehr als 1600 Ehrenamtliche, die ihre Unterstützung für die Flüchtlingsarbeit im Camp und Marburg allgemein anboten. Im Camp entstand eine erste Anlaufstelle. Dort wurden feste Angebote etabliert – und das ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement. Es gab Alphabetisierungs- und Deutschkurse – speziell auch für Frauen, Kinderbetreuung, Alltagstraining und Asylverfahrensberatung. Ein IT-Treffpunkt, eine Caféstube, eine Hotline, ein Info-Point sowie Sprechstunden mit Ombudspersonen erweiterten das Angebot. Auch die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) fand im Camp ihren Standort.
Ende 2015 musste die Anlaufstelle im Camp geschlossen werden. Eine neue Perspektive fand sich in der Nähe: So eröffnete im Januar 2016 das „Portal Gisselberg“. Dieses war zunächst vorrangig für Geflüchtete aus dem Cappeler Camp gedacht. Das Portal sollte ein Ort der ersten integrativen Schritte sein – ein Raum zum Ankommen. Auch dort brachten sich zahlreiche Menschen mit ihren Kompetenzen, ihrer Zeit, ihrer Herzlichkeit und ihrer Kreativität ein. Von Deutschunterricht über Alphabetisierung, Alltagstraining, Asylberatung, Kinder- und Jugendbetreuung bis hin zu einer Kleiderkammer, einer Hotline und einem Aufenthaltsraum mit Getränken gab es am neuen Standort ebenfalls eine große Bandbreite an Angeboten. Mit Blick auf die Zukunft war bereits eine Erweiterung des Programms in Planung – darunter Unterricht für Kinder, psychosoziale Betreuung, gynäkologische Sprechstunden, eine Kreativwerkstatt, Hebammenangebote, Spielecken und vieles mehr.
Die Zahl der Geflüchteten ging deutlich zurück. Und so wurde im September 2016 das Camp in Cappel geschlossen. Die Verantwortlichen wollten das erfolgreiche Konzept des Portals jedoch weiterführen. Es begann die Suche nach einem neuen Standort. Schließlich wurden die Beteiligten fündig und das Portal zog im März 2017 in die Mauerstraße 3. Seitdem ist das „Portal Mauerstraße“ ein fester Bestandteil der sozialen Infrastruktur in Marburg. Die Themen und Angebote sind bis heute aktuell: Spracherwerb, Beratung in Alltags- und Behördenfragen, praktische Unterstützung und Raum für weitere Projekte. Dazu zählen etwa integrative Ferienbetreuungen sowie Kooperationen mit externen Partner*innen.
Integration lebt von Begegnung
Gudrun Fleck-Delnavaz, Koordinatorin der Ehrenamtsarbeit und des Engagements in der Flüchtlingshilfe Marburg, blickte auf die gemeinsamen Anfänge zurück: „Es ist wirklich unglaublich, was wir damals in kurzer Zeit alles aufgebaut haben. Und das haben wir vor allem euch zu verdanken. Ihr habt der Integration in Marburg ein Gesicht gegeben – und zwar ein offenes und herzliches. Danke dafür.“ Prof. em. Dr. med. Wolfram Schüffel gab einen Impuls zum Thema kontextuelle Reflexion.
Marita Gabrian, ehrenamtlich Engagierte im Portal, lobte die Zusammenarbeit von Stadt und Engagierten. Es gab regelmäßige Treffen, bei denen sich ausgetauscht und Probleme besprochen sowie gelöst wurden. Gabrian hob hervor, wie wichtig Angebote sind, in denen sich die Menschen kennenlernen und austauschen können wie zum Beispiel das Café Refugium: „Integration passiert nicht durch Verordnungen, sondern durch regelmäßige Begegnung. Doch nun wachsen Vorurteile bevor ein Kennenlernen überhaupt stattfinden kann. Da müssen wir gegenhalten. Das tun wir auch mit den vielen Veranstaltungen, die wir den Menschen bieten.“
Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies dankte den Ehrenamtlichen für ihr Engagement und die gelebte Integrationsarbeit.© Stefanie Ingwersen, Stadt MarburgOB Spies stellte ebenfalls heraus, wie sehr sich der öffentliche Diskurs im Vergleich zu 2015 verändert hat: „Die Art und Weise, wie heutzutage der Diskurs über Geflüchtete geführt wird, wie ewig Gestrige und ewig Falsche mit ihren verachtenden Ansichten die Diskussion lenken, wie viele – darunter insbesondere die Medien – diese Ansichten weiterverbreiten und wie viele Menschen diese dann auch noch übernehmen: Das ist nicht richtig. Das kann so nicht weitergehen. Wir in Marburg halten dagegen und unterstützen Menschen in Not weiterhin dabei, sich in eine neue Heimat einzufinden, wenn ihnen die vorherige genommen wurde. Genau das ist das, was Menschen wie Sie tagtäglich leisten und dafür sind wir Ihnen allen zu Dank verpflichtet. Denn Sie leben vor, wie Integration geht“, so Spies.
Peter Schmidt, Fachbereichsleiter Soziales und Wohnen der Stadt Marburg, betonte, dass Engagierte, Institutionen und Stadtverwaltung gerade in der Krise effektiv und lösungsorientiert zusammenarbeiteten. „Ohne Sie gäbe es keine gelungene Integration. Was Sie alle gemeinsam leisten und wie viele Angebote Sie bereitstellen – das ist gelebte Willkommenskultur. Dafür möchte ich Ihnen herzlichst danken und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit allen Beteiligten“, so Schmidt.
Die Kooperation zwischen Haupt- und Ehrenamt zeichnet das Portal aus. Ohne das unermüdliche Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher wäre der Betrieb in dieser Form kaum möglich. Nach wie vor, auch nach zehn Jahren, ist das ehrenamtliche Engagement vor Ort im Portal ungebrochen. Das zehnjährige Bestehen steht damit für eine kontinuierliche Entwicklung von der ersten Zeltsiedlung zu einer stabilen Anlaufstelle – und für ein Engagement, das Menschen Orientierung, Verbindung und neue Chancen bietet.
Mehr Informationen zum Thema finden sich auf der Homepage der Stadt Marburg unter www.marburg.de/migration.
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