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Renaturierung der Gisselberger Spannweite
Ein Fluss kehrt zurück: Die Renaturierung der Gisselberger Spannweite hat die Lahn in einen lebendigen Naturraum verwandelt. Zwischen der Steinmühle und Ronhausen gibt es jetzt zahlreiche Pflanzen, Tümpel, Insekten – und Wasserbüffel als Landschaftspfleger.
© Melanie Weiershäuser, i.A.d. Stadt Marburg
Wer sich von der Marburger Kernstadt mit dem Fahrrad oder zu Fuß an der Lahn entlang nach Süden aufmacht, entdeckt ab Gisselberg einen ganz besonderen Flussabschnitt. An der Gisselberger Spannweite geht es wild zu: Die Lahn umspült kleine Inseln und Halbinseln, in ruhigen Seitenarmen scheint das Wasser stillzustehen. In den Sommermonaten sorgt eine Gruppe Wasserbüffel für eine naturnahe Pflege der Aue. Mit etwas Glück zeigen sich hier Eisvogel, Biber oder Libellen. Besonders die Aussichtsplattform „Lahnorama“ am Radweg östlich der Lahn zwischen Cappel und Ronhausen lädt dazu ein, innezuhalten und die Vielfalt der Landschaft zu beobachten. Doch das war nicht immer so.
Vom begradigten Fluss zur natürlichen Vielfalt
Noch vor wenigen Jahren war dieser Abschnitt der Lahn zwischen Steinmühle und Ronhausen ein geradliniger, etwa zwei Meter eingetiefter Kanal. Das Flussbett war strukturlos, der Wasserstand oft tief, und Hochwasser spülten durch, ohne dass Fische oder Kleintiere Halt fanden. Die Ufer waren monoton, typische Auenlebensräume wie Flachufer, Kies- und Schlammbänke, Totholz oder Altarme fehlten. Auch die angrenzenden Böden litten unter der Eintiefung: Sie trockneten zunehmend aus – ein Problem, das sich im Klimawandel weiter verschärfen würde.
Die Idee: den Fluss auf einer Länge von rund 1,5 Kilometern wieder in Bewegung bringen. Das bedeutete: Verzweigungen, Umlagerungsstrecken, Tümpel und Inseln neu anlegen – und der Lahn ihre Eigendynamik zurückgeben.
© Lovion Orthophoto 2019
© Malte Simon
Großes Gerät für kleine Lebewesen
Zwischen August 2019 und April 2020 wurde an der Gisselberger Spannweite gegraben, modelliert und bewegt: Über 100.000 Kubikmeter Erde und Kies wurden aus dem 1,4 Kilometer langen Abschnitt abtransportiert. Ein großer Teil landete in benachbarten Kiesgruben bei Niederweimar, während das Material aus dem Fluss für die neue Struktur verwendet wurde – unter anderem für Kiesbänke und die Gestaltung der Aue.
Die Lahn nahm sich nach den ersten Hochwassern schnell ihren neuen Raum. Kiesdepots wurden umgelagert, neue Rinnen entstanden. Ufer wurden abgeflacht, und die Wasserfläche zwischen den Deichen hat sich verdreifacht. Zahlreiche Tiere haben den neuen Lebensraum bereits angenommen.
Dank Landesmitteln aus der Fischereiabgabe und dem Integrierten Klimaschutzplan sowie mit EU-Fördermitteln „LiLa – Living Lahn“ konnte die Renaturierung in enger Kooperation der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Marburg mit dem Regierungspräsidium Gießen durchgeführt werden.
Was ist Renaturierung? Renaturierung ist die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume. Statt eines geradlinigen Kanals entstehen wieder Kurven, Seitenarme, Inseln, Tümpel und dynamische Ufer – so entstehen wichtige Lebensräume für viele Arten.
Warum wird ein Fluss renaturiert?
Ein natürliches Flusssystem ist mehr als Wasser zwischen Ufern. Die Aue funktioniert wie ein Schwamm: Sie nimmt bei Hochwasser Wasser auf und gibt es in Trockenzeiten langsam wieder ab. Das schützt vor Überschwemmungen und stabilisiert den Wasserhaushalt. Renaturierte Flüsse speichern zudem Kohlenstoff und können so zur Reduzierung von Treibhausgasen beitragen. Außerdem entstehen durch die natürliche Fließdynamik ganz unterschiedliche Strukturen: flache Zonen, tiefe Gumpen, Kiesbänke, Altarme und Totholzbereiche.
Diese Vielfalt ist Lebensgrundlage für viele Tiere:
- Fische nutzen strömungsberuhigte Zonen zur Fortpflanzung.
- Insekten finden in Flachwasserzonen ideale Bedingungen.
- Amphibien benötigen Tümpel zum Laichen.
- Vögel brauchen dichte Ufervegetation und offene Gewässer.
Neue Lebensräume in der Aue
Neben dem Flusslauf wurden auch die Auenbereiche ökologisch aufgewertet. Totholz wurde gezielt in die Lahn eingebracht – unter Wasser bietet es Schutz für Jungfische, darüber nutzen es Vögel wie der Eisvogel als Ansitz für die Jagd. Neue Tümpel wurden modelliert und mit vor Ort gewonnenem Lehm ausgekleidet – ideale Laichplätze für Amphibien. Ein Teil der Wiesenflächen wurde mit einheimischem, blütenreichem Saatgut eingesät. Dadurch sollen Lebensräume für gefährdete Arten wie den Schmetterling „Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling” aufgewertet werden. Gleichzeitig wird die Ausbreitung gebietsfremder Arten wie dem Indischen Springkraut eingedämmt.
Wasserbüffel als Landschaftspfleger
Ein besonderes Highlight in der renaturierten Aue sind die Wasserbüffel, die seit 2022 das Gebiet beweiden. Sie halten das Grünland offen, indem sie junge Gehölze verbeißen. So bleibt die Fläche für Insekten und bodenbrütende Vögel attraktiv. Außerdem helfen die Wasserbüffel mit ihrer wühlenden Tätigkeit, die Tümpel offen zu halten – ein Beitrag zum dauerhaften Erhalt dieser besonderen Lebensräume.
Beobachten, entdecken, lernen – das „Lahnorama“
Die Renaturierung hat nicht nur der Natur, sondern auch den Menschen etwas gebracht. Ob auf einer Radtour, einem Spaziergang oder bei einer Naturbeobachtung: Die neue Aussichtsplattform „Lahnorama“ am Radweg zwischen Cappel und Ronhausen bietet Möglichkeiten, das Gebiet zu entdecken. Infotafeln erklären, wie sich der Fluss verändert hat und welche Tiere hier leben.
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