© Ole Widekind, i. A. d. Stadt Marburg
Wie die Dorfentwicklung begann
Die Universitätsstadt Marburg ist mit ihren 15 Außenstadtteilen von 2014 bis 2023 in das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Hessen aufgenommen worden und startete damit ein Pilotprojekt zur Dorfentwicklung in Hessen.
Hintergrund für das Programm sind die steigenden Anforderungen, die sich vor allem aus dem demografischen und sozioökonomischen Wandel ergeben. Deshalb sollen in den ländlich geprägten Stadtteilen zentrale Funktionen gestärkt und gute Wohn- und Lebensqualität erhalten und verbessert werden.
Begonnen hat die Dorfentwicklung in Marburg mit öffentlichen Ortsrundgängen in allen Außenstadtteilen. Ideen und Wünsche wurden gesammelt, Stärken und Schwächen analysiert – so entstand mit Hilfe von mehr als 300 Bürger*innen das Integrierte Kommunale Entwicklungskonzept (IKEK), das die Stadtverordnetenversammlung im November 2016 beschlossen hat. „Marburg, das sind wir alle“ dient dabei als Leitbegriff.
Die Themen reichten von Konzepten gegen zunehmenden Leerstand in den Dorfkernen über die Vernetzung von Vereinen und Kulturangeboten, Verbesserung der Aufenthaltsqualität von zentralen Grünflächen bis zu der Förderung der Fahrradmobilität zwischen den Dörfern und in die Kernstadt. Entstanden sind dann mehrere AGs aus engagierten Bürger*innen, die sich bestimmten Themenschwerpunkten in der Dorfentwicklung widmen:
- AG Ehrenamtliches Engagement & Dorfgemeinschaft
- AG Öffentliche Räume & Grün
- AG Kultur & Identität
- AG Entwicklung, Leerstand & Baukultur
- AG Mobilität
Realisierte Projekte in der Übersicht
Mehrgenerationenplätze, sanierte Bürgerhäuser, Carsharing und mehr: Diese und weitere Projekte wurden durch das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Hessen angestoßen. Eine Auswahl im Überblick:
Ein Schwerpunkt im IKEK war die Sanierung von Bürgerhäusern (BGH). Denn die Bürgerhäuser dienen als Herz der Stadtteile, sind Treffpunkt, Versammlungsort, Raum für Vereinsleben und Dorfleben.
Der Umbau des BGHs in Bortshausen kostete rund 200.000 Euro – davon kamen 60.000 Euro aus dem Dorfentwicklungsprogramm. Im Bürgerhaus in Hermershausen wurden die Küche und der Saal saniert. Die Sanierungsmaßnahme wurde im Frühjahr 2025, pünktlich zum Abschlussfest der Dorfentwicklung, abgeschlossen.
Angestoßen durch die Dorfentwicklung hatte die Stadt Marburg 2020 zudem beschlossen, auch andere Bürgerhäuser im Rahmen eines „Entwicklungskonzepts für die Bürgerhäuser in den Außenstadtteilen“ zu sanieren.
In Moischt entstand der „Treffpunkt Komp“, der unter anderem als Dorfcafé, Pausenstation für Radfahrer*innen und Veranstaltungsort für Vereine und private Feiern genutzt wird.
Seit Februar 2021 ist das „Digitale Bürgerhaus“ geöffnet. Hier treffen sich Vereine, Initiativen und Gruppierungen in den äußeren Stadtteilen Marburgs online. Genutzt wird das „Digitale Bürgerhaus“ für Konferenzen, Vereinstreffen oder Ortsbeiratssitzungen, Info-Veranstaltungen, Vorstandssitzungen oder sportliche Veranstaltungen, wie beispielsweise Yoga. Das „Digitale Bürgerhaus“ wird vor allem von der AG Ehrenamt und Hubert Detriche, dem Ortsvorsteher von Hermershausen, verwaltet und gepflegt. Digital-Lots*innen unterstützen dabei, eine Video-Konferenz zu starten und durchzuführen, erklären den Umgang mit Tablet und Smartphone und sind auch für Themen rund um Datenschutz zuständig. Koordinator*innen vergeben Termine, übernehmen Schulungen und unterstützen bei der Umsetzung von digitalen Treffen.
Ein Ziel des Dorfentwicklungsprogramms ist es, die Ortskerne zu beleben und die Dorfgemeinschaft zusammenzubringen. Beim Anlegen von Mehrgenerationenplätzen hat die Dorfgemeinschaft nicht nur neue Treffpunkte erhalten – sondern ist bei der Gestaltung und Umsetzung wirklich zusammengerückt.
In Gisselberg liegen seit 2019 direkt gegenüber vom Bürgerhaus ein Bolzplatz, ein kleiner Spielplatz und ein Mehrgenerationenplatz (MGP) mit Fitnessgeräten, Pavillon und einer Boule-Bahn. Dabei haben die Bürger*innen in Eigenleistung mit angepackt und eine Gruppe die Patenschaft für die Boule-Bahn übernommen. Die Gesamtkosten lagen bei rund 31.000 Euro, davon kamen rund 16.000 Euro aus dem Landesprogramm.
Ebenfalls mit Eigenleistung und einer Patenschaft wurde 2020 in Wehrshausen ein Bouleplatz mit Pavillon und Sitzbänken umgesetzt. Dagobertshausen bekam 2021 den MPG Salzköppel. Auf rund 700 Quadratmetern finden sich dort ein Spielplatz, ein Bouleplatz und Sitzmöglichkeiten – mitgebaut haben Eltern, Einwohner*innen und jugendliche Migrant*innen einer benachbarten Wohngruppe.
Auch durch die Dorfentwicklung ermöglicht: Die Umgestaltung der Freifläche am Ehrenmal und der Kirche in Dilschhausen, die zum Verweilen einlädt.
Der Mehrgenerationenplatz in Cyriaxweimar wurde im Juli 2023 eröffnet: Hier wurden eine Terrassenfläche und ein Beachvolleyballfeld mit Fitnessbereich (Calisthenic und Bewegungsgeräte) und Aufenthaltsmöglichkeiten angelegt. Rund 300.000 Euro hat die Stadt in das Projekt an der Mehrzweckhalle investiert, davon kamen etwa 83.000 Euro von der Landesförderung.
Mobilität und Mobilitätswende sind wichtige Themen. Damit auch die Außenstadtteile untereinander und zur Kernstadt besser angeschlossen sind, starteten die Stadtteile Ginseldorf, Moischt und Elnhausen mit Dagobertshausen in eine dreijährige Pilotphase für ein Bürger*innen-Carsharing (BCS).
In Ginseldorf stehen den Bürger*innen über den Verein Dorfladen Ginseldorf drei Elektroautos zur Verfügung, die sie flexibel für Versorgungs- und Freizeitfahrten ausleihen können – über weitere Förderprogramme auch ein Lastenrad und zwei Transporträder. Im Stadtteil Moischt hat sich der Verein „Moischt mobil“ gegründet, der die Mobilität fördern will. In Ginseldorf und Moischt werden über das Bürger*innen-Carsharing ehrenamtliche Fahrdienste für ältere und/oder gehandicapte Menschen angeboten.
In Elnhausen/Dagobertshausen gründete sich der Verein Mobilität und Nahversorgung Marburg West „MoNa West e.V.“, der die westlichen Stadtteile Marburgs einbindet.
Im Rahmen des Dorfentwicklungsprogramms werden auch private Projekte gefördert – etwa Scheunenumbau zu Wohnzwecken, Fassadensanierung, Fachwerksanierung, Dacheindeckung, energetische Sanierung, städtebaulich verträglicher Abbruch und Ersatzneubauten sowie Planungsleistungen. Von 2015 bis 2022 wurden 72 private Vorhaben bewilligt – überwiegend Sanierungen, aber auch zwei neue Wohngebäude sowie Anbauten und Umbauten zur Schaffung von Wohnraum.
So hat beispielsweise Uwe Rauch, Ortsvorsteher von Ronhausen, eine Scheune in ein Wohnhaus oder Sascha Wetzstein aus Ginseldorf ein leerstehendes Bauernhaus in ein Zweiparteienhaus umgebaut.
Bei einem Investitionsvolumen von ca. 8,7 Millionen Euro wurden die privaten Baumaßnahmen mit insgesamt 2,1 Millionen Euro aus Mitteln der Dorfentwicklung gefördert.
Das Dorfentwicklungsprogramm förderte neben Großprojekten und Baumaßnahmen auch Veranstaltungen und Workshops, die die Dorfgemeinschaften zusammenbringen, informieren und so die Dörfer beleben.
Seit 2019 gibt es jährlich den „Tag der Mobilität“: Mit der Veranstaltung wollen die Marburger Außenstadtteile verschiedene soziale und ökologische Mobilitätskonzepte aufmerksam machen und verbesserte Anbindungen an die Innenstadt erreichen.
2017/2018 gab es die Veranstaltungsreihe „Mitmachen im Dorf“ sowie die Veranstaltung „Vereine fit für die Zukunft“. Außerdem fanden mehrere Praxisworkshops statt – etwa um Fachwissen rund um Lehm, Kalkputz oder Natursteinmauern zu vermitteln.
Auch die Aktionen der AG-Ehrenamt, die das Ziel haben, Ehrenamt und Vereinsarbeit zu fördern und Ehrenamt sichtbar zu machen, werden in Zusammenarbeit mit der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf fortgeführt.
Projektabschluss und Abschlussfilm
Viele kleine und größere Projekte sind durch das Landesprogramm in den vergangenen zehn Jahren in den Marburger Außenstadtteilen angestoßen worden. Den Projektabschluss feierten die Außenstadtteile am 25. April 2025 im Bürgerhaus Hermershausen. Daran nahmen Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und Stadtrat Dr. Michael Kopatz teil, aber auch zahlreiche Beteiligte. Gemeinsam wurde in einer Talkrunde über die Erfolge und Herausforderungen der Dorfentwicklung gesprochen.
Der Abschlussfilm „10 Jahre Dorfentwicklung – Marburger Dörfer leben Gemeinschaft“ gewährt einen Einblick in die unterschiedlichen Projekte und Angebote, die die Arbeitsgemeinschaften der Dorfentwicklung ins Leben gerufen haben.
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Geförderte Außenstadtteile
Zu den Außenstadtteilen Marburgs, die vorwiegend traditionelle, dörfliche Strukturen aufweisen und damit förderungsfähig waren, gehören: Bauerbach, Bortshausen, Cyriaxweimar, Dagobertshausen, Dilschhausen, Elnhausen, Ginseldorf, Gisselberg, Haddamshausen, Hermershausen, Michelbach, Moischt, Ronhausen, Schröck und Wehrshausen.
Die Stadtteile Cappel, Marbach und Wehrda wurden aufgrund der sichtbaren städtischen Prägung und der Bevölkerungszahl nicht in das Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen.